Alles ist friedlich und grün

24.06.09 HNA

Vier Amerikaner wandelten in Heinebach auf den Spuren ihrer jüdischen Vorfahren

VON ACHIM  MEYER HEINEBACH.    „Jch erinnere mich an gar nichts", sagt Bun­ny North auf englisch, und das Gesicht der 80-Jährigen mit den lebendigen Augen verhär­tet sich für einen ganz kurzen Moment. Die vier Gäste aus Amerika sitzen am Esstisch. Sie sind für eine Woche nach Deutschland gekommen, um in Nordhessen die Orte zu be­suchen, an denen ihre Vorfah­ren über Jahrhunderte lebten.

„Sie hat sehr wohl Erinne­rungen", sagt Steve und blickt zu seiner Mutter. „Als wir 1983 das erste Mal hier waren und in der Kirchstraße aus dem Auto gestiegen sind, kam ihr sofort eine grausige Erinnerung." Bunny lebte als Vierjährige ein Jahr lang mit ihren Eltern in Heinebach, bevor die Familie nach Amerika floh. Steve dreht sich zu Talia und Aviv. „Ihr wer­det die Stelle morgen sehen."

Talia ist 21, Aviv 18. Er trägt ein T-Shirt, auf dem „Barack Obama" steht, und hat einen breiten Ring am Finger. „Darauf ist die Skyline von Jerusalem abgebildet", erklärt er auf eng­lisch. Er spricht kein deutsch. „Meine Oma hat mir als Kind deutsche Reime gesagt, die sie von ihrer Mutter gelernt hat. Hoppe hoppe Reiter", sagt Aviv und rollt das R von Reiter, so wie Amerikaner es tun.

Aviv ist zum ersten Mal in Deutschland. „Es ist so schön hier", sagte er. „Beautiful. Alles ist grün und friedlich und die Menschen freundlich. Ironie." Ironisch - das Wort sagt er mehrmals. „Wenn ich daran denke, was hier früher passier­te." Aviv lebt in Los Angeles. „Ein schnelles Leben, boom boom, Shopping Mails, Indus­trie. Ich weiß nicht, ob ich in der Lage wäre, mich hier einzu­passen." Aviv ist sehi- ernst, aber er fragt: „Was macht man hier, um Spaß zu haben?"

Am nächsten Tag steigen Bunny, Steve, Talia und Aviv in Heinebach aus dem Auto.

Bunny wirkt gelassen. „Das erste Mal 1983 war sehr aufre­gend." Steve ist der, der spricht. „Hier, wo die Straßen­laterne steht, stand schon 1934 eine Laterne", erklärt er Talia und Aviv. „Eure Oma sah als kleines Kind aus dem Fens­ter im Treppenhaus. An der Laterne baumelte eine Puppe. Die Leute wollten eurem Uro­pa drohen." Die vier blicken sich um, und dann verrät Bunny noch eine Erinnerung. „Ich hörte immer die Kirchenglo­cken. Es war ein schönes Ge­räusch."

Auf der Suche

Inzwischen sind Bunny, Ste­ve, Aviv und Talia zurück in die USA geflogen. Talia wird ein Praktikum bei der Musikfirma Sony in New York machen. Aviv wird nach Berkley bei San Francisco umziehen und dort ein Studium beginnen, Wirt­schaft und Psychologie. Als was will er einmal arbeiten? Als Ge­schäftsmann? Oder als Thera­peut? „Ich weiß es noch nicht. Ich bin dabei, mich zu orientie­ren."

 

© 2010 Förderkreis Ehemaliges Ritualbad Rotenburg