Rotenburg an der Fulda: Forscher legten Mikwe frei
von Joachim Tornau
Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik hat auch in Rotenburg an der Fulda grausam gewütet. Vom Mittelalter bis in die dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahr hunderts war die nordhessische Kleinstadt ein Zentrum jüdischen Lebens. Zeitweilig betrug der jüdische Bevölkerungsanteil bis zu zehn Prozent. Nach dem Holocaust ist davon nichts mehr geblieben. Die jüdische Gemeinde wurde von den Nazis vollständig ausgelöscht. Auch aus der Erinnerung. Bis vor wenigen Jahren wußte kaum noch jemand, daß es in der Stadt ein jüdisches Ritualbad, eine Mikwe, gegeben hatte.
Das unscheinbare Fachwerkhaus, das die Mikwe beherbergt hatte, blieb zwar erhalten. Doch erst in allerjüngster Zeit entsann man sich in Rotenburg langsam der Vergangenheit des winzigen Häuschens, dessen Grundriß nur sieben mal sieben Meter mißt. In dem marode gewordenen Bau am Ufer der Fulda sollte ein regionales Ju- daica-Museum entstehen, berichtet Heinrich Nuhn, Vorsitzender des Förderkreises Ehemaliges Ritualbad Rotenburg. Erste Pläne stammen aus dem Jahr 2000. Eine Gedenk- und Begegnungsstätte war geplant, „um Spuren jüdischen Lebens und Wirkens im mittleren Fuldatal an einem authentischen Ort zu dokumentieren". Spuren der früheren Mikwe konnten der pensionierte Gymnasiallehrer und seine Mitstreiter zunächst nicht erkennen. Sie fanden nur einen glatten Betonfußboden vor.
Doch nachdem Archäologen entgegen aller Erfolgsaussicht den fünfzehn Zentimeter dicken Fußboden abgetragen hatten, waren sie überrascht. Zuerst förderten die Grabungen ein blau-weiß gekacheltes Bassin zu Tage - das Tauchbecken der 1836 eingerichteten und zuletzt in den zwanziger Jahren modernisierten Mikwe. Knapp vier Meter tiefer stießen die Forscher dann im vergangenen Jahr auf das, was Heinrich Nuhn heute eine kleine Sensation nennt. Sie trafen auf Eichendielen und einen gemauerten Schacht als Reste einer Grund- wassermikwe, wie sie vor allem im Mittelalter gebaut wurden. Daß das Ritualbad aus dem neunzehnten Jahrhundert einen wesentlich älteren Vorgänger hatte, habe niemand geahnt, sagt Nuhn. Sie entdeckten den Sockelring eines Warm Wasserkessels und einen ausgemauerten tiefen Schacht für die rituelle Reinigung von Geschirr und Besteck.
Diese archäologischen Funde sollen noch in diesem Jahr der Öffentlichkeit präsentiert werden. Für den 4. September, dem „Europäischen Tag der jüdischen Kultur", ist die Eröffnung des Rotenburger Ritualbad-Museums geplant. Es wird keine auf wendigen Rekonstruktionen geben. Von einem Steg aus soll alles so zu sehen sein, wie es die Forscher vorgefunden haben. „Wie man das von römischen Ausgrabungen kennt", erklärt Nuhn. „Es hat seinen Reiz, den historischen Ablauf zu dokumentieren. Daraufsetzen wir."
Zwar gibt es in Deutschland ältere und besser erhaltene Mikwot. Gegen die monumentalen mittelalterlichen Badeinrichtungen in Speyer, Friedberg (Hessen), Köln oder Offenburg nimmt sich die Mikwe in der nordhessischen Kleinstadt sehr bescheiden aus. Dennoch spricht der Historiker und Mitarbeiter des Landesverbands der jüdischen Gemeinden in Hessen, Klaus Werner, von einem „ganz besonderen Fund". Es sei ausgesprochen selten, daß sich die historische Entwicklung eines Ritualbades derart gut nachvollziehen lasse wie in Rotenburg.
Mangels finanzieller und personeller Möglichkeiten kann der Landesverband das Projekt in Nordhessen freilich nicht selbst in die Hand nehmen. Gleichwohl, sagt Sprecher Daniel Neumann, verfolge der Verband das Vorhaben mit großem Wohlwollen. „Wir sind immer froh und dankbar, wenn sich örtliche Initiativen entwickeln und als Sachwalter für uns auftreten"
Knapp zweihunderttausend Euro soll das entstehende Museum kosten. Trotz Zuschüssen von der Europäischen Union und der Sparkassenstiftung muß die Stadt fast die Hälfte alleine aufbringen. Einstimmig hätten die Rotenburger Stadtverordneten die Summe bewilligt, sagt Bürgermeister Manfred Fehr (SPD). „Hinter vorgehaltener Hand aber wird das kräftig kritisiert." Daß die finanziell klamme Kommune ausgerechnet für das jüdische Bad Geld übrig hat, wolle manch einer in Rotenburg nicht einsehen. „Ein gewisser latenter Antisemitismus ist da sicherlich vorhanden."
Die Mikwe ist im Internet anzusehen unter: www.mikwe.de
Grabungen fördern jüdisches Ritualbad zu Tage
VON JOACHIM F. TORNAU
Von einst Hunderten jüdischer Ritualbäder in Deutschland sind die meisten während der Nazi-Barbarei zerstört worden. In Rotenburg wurden die Reste einer jahrhundertealten Mikwe überraschend wiederentdeckt. In diesem Jahr sollen sie als Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Rotenburg • 6. Januar • Vom Mittelalter bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts war Rotenburg an der Fulda ein Zentrum jüdischen Lebens - mit bis zu zehn Prozent jüdischer Bevölkerung. Nichts ist mehr davon übrig geblieben. Grausam hatte die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in der nordhessischen Kleinstadt gewütet. Sämtliche Rotenburger Juden waren von den Nazis ermordet oder vertrieben worden - bis die Gemeinde vollständig ausgelöscht war. So wusste bis vor kurzem kaum noch jemand, dass es in der Stadt ein jüdisches Ritualbad gegeben hatte.
Das unscheinbare Fachwerkhaus, das diese für das Gemeindeleben so wichtige Mikwe beherbergt hatte, blieb zwar erhalten. Doch nach der Reichspogromnacht 1938 war es „arisiert" worden: Für gerade einmal 1600 Reichsmark hatte ein nicht-jüdischer Gastwirt und Metzger das zweigeschossige Gebäude gekauft und es zu einem Wohnhaus umgebaut. Sechzig Jahre lang lebte anschließend seine Tochter darin. Erst als sie 1998 starb, besann man sich in Rotenburg wieder der Vergangenheit des Häuschens, das im Grundriss weniger als sieben mal sieben Meter misst.
Geplant war, den marode gewordenen Bau am Ufer der Fulda in ein regionales Judaica-Museum umzuwandeln, berichtet Heinrich Nuhn, Vorsitzender des Förderkreises „Ehemaliges Ritualbad Rotenburg". Eine Gedenk- und Begegnungsstätte, „um Spuren jüdischen Lebens und Wirkens im mittleren Fuldatal an einem authentischen Ort zu dokumentieren". Dass sich in dem Fachwerkhaus noch Spuren der früheren Mikwe finden lassen würden, glaubten der pensionierte Gymnasiallehrer und seine Mitstreiter allerdings nicht. Denn auf den ersten Blick war in Rotenburg nur glatter Beton zu sehen.
Doch nachdem Archäologen trotzdem den 15 Zentimeter dicken Fußboden abgetragen hatten, folgte eine Überraschung auf die andere. Zuerst förderten die Grabungen ein blau-weiß gekacheltes Bassin zu Tage - das Tauchbecken der 1836 eingerichteten und zuletzt in den 1920er Jahren modernisierten Mikwe.
Knapp vier Meter tiefer aber stießen die Forscher im vergangenen Jahr auf das, was Heinrich Nuhn heute eine „kleine Sensation" nennt: Eichendielen und ein gemauerter Schacht als Reste einer Grundwassermikwe, wie sie vor allem im Mittelalter gebaut wurden. Niemand habe geahnt, dass das Ritualbad aus dem 19. Jahrhundert einen wesentlich älteren Vorgänger hatte, sagt Nuhn.
Zusammen mit den weiteren Grabungsergebnissen - auch der Sockelring eines Warmwasserkessels und ein ausgemauerter, tiefer Schacht für die rituelle Reinigung von Geschirr und Bestecken wurden entdeckt - sollen die archäologischen Befunde in diesem Jahr der Öffentlichkeit präsentiert werden. Keine Rekonstruktion ist geplant: Alles soll von einem Steg aus so zu sehen sein, wie es gefunden wurde. „Wie man sich das vorstellt bei römischen Ausgrabungen", sagt Nuhn. „Es hat Reiz, den historischen Ablauf zu dokumentieren. Darauf setzen wir."
Zurzeit steht freilich noch die Grundsanierung des baufälligen Fachwerkhauses auf dem Programm. Am 4. September, dem „Europäischen Tag der jüdischen Kultur", soll das Rotenburger Ritualbad-Museum eröffnet werden.
Knapp 200000 Euro stehen für das Projekt zur Verfügung. Trotz Zuschüssen von Europäischer Union und Sparkassenstiftung hat die Stadt fast die Hälfte davon alleine aufzubringen. „Wenn solche archäologischen Befunde gemacht werden, muss man auch etwas dafür tun, sie zu erhalten", sagt Bürgermeister Manfred Fehr (SPD). Einstimmig hätten die Stadtverordneten die Summe bewilligt. „Hinter vorgehaltener Hand aber wird das kräftig kritisiert." Dass die finanziell klamme Kommune ausgerechnet für das jüdische Bad Geld übrig hat, wolle mancher nicht einsehen. „Ein gewisser latenter Antisemitismus ist da sicherlich vorhanden", meint Fehr. „Oder zumindest zu befürchten." www.mikwe.de
Ellen und Zvi Stepack Ehrenmitglieder
Förderkreis Ritualbad würdigt Arbeit
ROTENBURG/BEBRA. Ellen und Zvi Stepak sind zu Ehrenmitgliedern des Förderkreises Ehemaliges Jüdisches Ritualbad in Rotenburg ernannt worden. Dies wurde in der Jahreshauptversammlung einstimmig beschlossen, teilte der Förderkreis mit. Der Förderkreis würdige damit die Arbeit von Ellen und
Zvi Stepak, die in Ramat Gan in Israal leben, sagte Vorsitzender Dr. Heinrich Nuhn. Beide hätten unter anderem die hebräischen Grabinschriften des jüdischen Friedhofes in Bebra übersetzt.
Ellen Stepak sei eine Nachfahrin der jüdischen Familien
Werthan in Rotenburg und Apfel in Bebra, erläuterte Nuhn. Die Vorstandswahlen
des Förderkreises hatten folgendes Ergebnis: i. Vorsitzender Dr. Heinrich Nuhn, 2. Vorsitzender und Schriftführer Lars Niquet, Kassenwart Christopher Böffel, Beisitzer Karl Honikel, Karl-Heinz Riemenschneider, Elvira Walter- Rosner. Kassenprüfer sind Detlef Dejon und Werner Knöß. (M.S.)
► Kontakt: Förderkreis ehemaliges Jüdisches Ritualbad Rotenburg, Lars Niquet, 06623/2797, Fax: 918783. E- Mail: lutherkirche.rotenburg@ekkw.de
Kommentar - Gedächtnis wach halten
Manfred Schaake über das jüdische Ritualbad
Ein historisches Gebäude drohte zu verfallen. Die Initiative der Stadt Rotenburg, das Ritualbad der ehemaligen jüdischen Gemeinde Rotenburgs zu renovieren und zu einer Gedenk- und Begegnungsstätte auszubauen, verdient Anerkennung. Ebenso erfreulich ist das Engagement des vor zwei Jahren auf Initiative von Dr. Heinrich Nuhn gegründeten Förderkreises jüdisches Ritualbad.
Wenn am 4. September und hoffentlich auch danach die Ergebnisse der Ausgrabungen und andere Sehenswürdigkeiten präsentiert werden, dann ist die Geschichte der Stadt um ein wichtiges Kapitel ergänzt worden. Schon vor der Gründung des Förderkreises haben die Initiatoren daran erinnert, wie in der Hitlerdiktatur jüdisches Leben und jüdische Kultur auch in Rotenburg und Umgebung brutal ausgelöscht worden sind. Das ehemalige jüdische Ritualbad kann ein Ort werden, der das Gedächtnis an eine gewaltsam entfernte Minderheit wach hält. Ein Ort, der zugleich ein Zeichen setzt für einen menschlichen Umgang mit Minderheiten und Fremden.
Die Ausgrabungen und Renovierungsarbeiten brachten viele Überraschungen an den Tag. Die Rotenburger Mikwe ist ein Juwel. Deshalb ist es gut, dass die Arbeiten trotz knapper Kassen finanziert worden sind. Ein Stück fast vergessene regionale Geschichte erlebt eine Wiedergeburt.




