Prof. Dr. Gerd Weiß, Wiesbaden

- Prof. Dr. Gerd Weiß
Präsident des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen
Die jüdische Geschichte ist ein wesentlicher Teil der deutschen Geschichte. Die Erinnerung an sie ist zugleich eine Erinnerung an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte. Das macht die Auseinandersetzung mühevoll und anstrengend. Zugleich ist diese Auseinandersetzung notwendig, denn die Versöhnung mit dem jüdischen Volk braucht die Erinnerung. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker schrieb 1985 dazu:
„Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahr...Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird.“
Die Stätten jüdischer Kultur in Hessen sind besonders eindringlich mahnende Orte der Erinnerung und des bleibenden Gedenkens. Die Denkmalpflege nimmt sich der konkreten baulichen Zeugnisse an und trägt Sorge für die Bewahrung. „Die Denkmalpflege“ ist aber nicht identisch mit der Behörde, die zur Wahrnehmung dieser Aufgabe eingerichtet wurde. Denkmalpflege ist eine Aufforderung an alle Bürgerinnen und Bürger. Sie alle, die sich dieser Aufgabe stellen, betreiben Denkmalpflege: Eigentümer wie Handwerker, Architekten wie Restauratoren und zum Glück immer mehr sich ehrenamtlich engagierende Bürgerinnen und Bürger.
Denkmalpflege als Teil der Erinnerungskultur ist kein Selbstzweck. Mit der Erhaltung überlieferter materieller Geschichtszeugnisse kann sich die Erinnerung mit einem Ort verbinden, denn „es gibt keine Erinnerung im Nirgendwo“. Wir sind in der letzten Zeit bei einigen Synagogenrestaurierungen den Weg gegangen, die an den Gebäuden festzumachenden Spuren der Überlieferung aufzudecken, sie zu konservieren und sie damit in ein denkmalpflegerisches Konzept einzubinden, das einen direkten geschichtlichen Bezug herstellt und einen anschaulichen Ort des Gedenkens der Öffentlichkeit übergibt. Die Spuren der nationalsozialistischen Zerstörungswut z.B. an der Landsynagoge in Weimar-Roth geben direkt Aufschluss über die geschichtlichen Ereignisse. Die Hackspuren der Äxte der nationalsozialistischen SA-Trupps, die von den Wänden gerissene elektrische Verteileranlage oder die sich in der Wand abzeichnenden Umrisse des zerstörten Thoraschreines sind solche Spuren, die in die denkmalpflegerische Maßnahme eingebunden wurden. Nicht die rekonstruierende Verschönerung des Innenraumes war das Ziel der Instandsetzung. Es verbot sich nach Auffassung aller für die Restaurierung Verantwortlichen, die Synagoge „im neuen Glanz“ erstrahlen zu lassen. Der Ort währte sich gegen die ästhetische Vereinnahmung, er wurde zum „Denk-Ort“: Die Judenverfolgung im Nationalsozialismus und in der Folge die Abwesenheit der jüdischen Gemeinde ist sein Thema.
Zugleich berichtet der Bau aber auch von der Geschichte der Juden in den ländlichen Gemeinden Hessens. Sie waren geprägt von ihrem jüdischen Bevölkerungsanteil. Nach den Judenverordnungen unter Landgraf Karl 1679, die den Juden gegen hohe Zahlungen ein verbrieftes Aufenthaltsrecht einräumten, wuchsen die jüdischen Gemeinden in den Dörfern. Erstmals erhielten die Juden unter der napoleonischen Besatzung 1808 die Bürgerrechte, die 1833 bestätigt wurden. Im selben Jahr beschloss man in Weimar-Roth den Neubau der heutigen Synagoge. Ein Jahr zuvor war das kleine Wohnhaus über der Mikwe in Rotenburg errichtet worden. 1834 kauften es die Rotenburger Juden.
Ende des 19. Jahrhunderts verzeichnete man im Gebiet des heutigen Bundeslandes Hessens mit nahezu 500 Synagogen und Bethäusern so viele jüdische Sakralräume wie in sonst keinem Bundesland Deutschlands. Weit über 200 haben sich meist als einfache Dorfsynagogen auf dem Lande erhalten, mehr als in den anderen Bundesländern.
In den letzten Jahren sind eine Reihe von ihnen restauriert worden. Dabei zeigte sich das bürgerschaftliche Engagement in besonderer Weise, sind es doch gerade diese Bauten, für die sich in erfreulichem Umfang Fördervereine und Initiativen zum Erhalt und zur laufenden Betreuung gebildet haben.
Neben den Synagogen sind es vor allem die rituellen Tauchbäder, die Mikwen, und die jüdischen Friedhöfe, die von der jüdischen Kultur und ihren religiösen Orten künden. Dabei bilden die Mikwen eine besondere Gruppe von Bauten, haben sie doch häufig im Verborgenen die Zeitläufe überdauert. Selbst ein so herausragendes hessisches Beispiel wie das Judenbad in Friedberg, das ein besonders frühes und auch baugeschichtlich bedeutendes Zeugnis von 1260 ist, kennen nur wenige. An diesem Bau haben dieselben Steinmetze gearbeitet wie an der gleichzeitigen Stadtkirche: ein schönes Beispiel für die selbstverständliche parallele Erledigung christlicher und jüdischer Bauaufgaben durch mittelalterliche Handwerker. Der beeindruckende 25 m in die tiefe führende Schacht der Badeanlage steht den vergleichbaren Bädern in Speyer oder Worms in seiner Bedeutung in keiner Weise nach.
Aber auch die vielen kleinen und zunächst unscheinbaren Beispiele sind als Zeugen der weiten Verbreitung des Landjudentums und ihrer Verankerung in der deutschen Geschichte von nicht geringerer geschichtlicher Bedeutung. Wir haben im letzten Jahr den zufälligen Entdecker einer solchen völlig vergessenen Mikwe in Felsberg im Schwalm-Eder-Kreis mit dem Hessischen Denkmalschutzpreis ausgezeichnet. Im Herbst 2003 beabsichtigte Wolfgang Eitel in seinem Garten nahe der ehemaligen Stadtmauer einen Obstbaum zu pflanzen. Nach kurzer Zeit stieß er auf ein großformatiges Mauerwerk mit einem nahezu quadratischen Grundriss. Als dann nach längerem Graben einige Treppenstufen zu Tage traten, informierte er die Baudenkmalpflege und die archäologische Denkmalpflege über den Fund.
Es handelte sich um die Reste der ehemaligen Mikwe, das um 1820 an dieser Stelle erbaut worden war. Nach dem Ersten Weltkrieg war das Gebäude abgerissen, das Tauchbad mit dem Mauerwerk verfüllt worden. In mühevoller Arbeit hat der Eigentümer den Schutt herausgeräumt, das erhaltene Backsteinmauerwerk gesäubert und das Bad bis zur Sohle freigelegt. Auch Treppe und Mauerwerk, das in hervorragender steinmetzmäßiger Qualität erhalten ist, wurden gereinigt.
Diese beiden Beispiele kennzeichnen die Bandbreite der Ausgestaltungsmöglichkeiten der Mikwen.
In diesem Zusammenhang ist das heute wieder einzuweihende Ritualbad in Rotenburg ein besonders aufschlussreiches und beeindruckendes Beispiel. Durch die zeitliche Überlagerung der unterschiedlichen Tauchbadeinrichtungen seit dem 17. Jahrhundert am selben Ort ist die Rotenburger Mikwe geradezu ein Lehrbeispiel für die Entwicklung dieser jüdischen Einrichtung.
Wir haben dafür zu danken, dass dieser geschichtsträchtige Ort der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden kann. An erster Stelle nenne ich die Stadt Rotenburg und ihren Bürgermeister Herrn Manfred Fehr, die trotz der finanziellen Belastungen nicht vor dem Ankauf zurückgeschreckt sind und in einem einstimmigen Beschluss die notwendigen Mittel bewilligt haben. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass eine Stadt sich auch dieses Teils der deutschen Geschichte erinnert und sich der Verantwortung und Verpflichtung vorbildlich bewusst ist.
Wenn sich dieses kommunalpolitische Engagement dann noch mit dem bürgerschaftlichen verbindet, sind die besten Voraussetzungen gegeben, um aus diesem Erinnerungsort eine lebendige Gedenk- und Begegnungsstätte zu schaffen. In gleicher Weise geht der Dank deshalb an den Förderkreis ehemaliges jüdisches Ritualbad und seinen Vorsitzenden Herrn Heinrich Nuhn.
Der Tag des offenen Denkmals, sechs Tage nach dem „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ erscheint mir ein großartiger Anlass, die Mikwe wieder einzuweihen. Wir hatten in Hessen schon einmal im Jahr 2002 die Stätten jüdischer Kultur als Schwerpunktthema gewählt. Das Interesse an den geöffneten Denkmalen war seinerzeit sehr groß und ich bin mir sicher, dass auch die Rotenburger Mikwe auf ein solches Interesse stoßen wird.
Ein solcher Lernort wie die ehemalige Mikwe erklärt sich nicht von selbst, aber der Anstoß zur näheren Beschäftigung ergibt sich aus dem fremd erscheinenden authentischen Ort. Ich hoffe mit Ihnen, dass es Ihnen künftig gelingt, mit diesem hoffentlich häufig „offenen Denkmal“ auch die Herzen der Besucher zu öffnen und ihnen diesen Teil der deutschen Geschichte bewusst zu machen.
Address by Prof. Dr. Gerd Weiß,
President of the Hesse State Central Office for the Preservation of Historical Monuments
Our German history is to a large degree determined by Jewish history. If we remember it, we will always remember the darkest chapter of German history – which makes our remembrance painful and strenuous yet unavoidable: our reconciliation with the Jewish people is inevitably dependent on remembrance.
Our former Head of State Richard von Weizsäcker wrote in 1985:
The sites of Jewish culture in Hesse are places that make us, possibly more than others, remember and reconsider our history. The Department for the Preservation of Historical Monuments looks after the listed buildings of our historical heritage and sees to it that they are being pre-served. Yet the protection of historical monuments is not just the responsibility of a political department; it is also an appeal to every citizen to cooperate in this purpose – it is an appeal to house owners, tradesmen, architects, restorers and to all citizens who, fortunately, devote themselves in increasing numbers to this cause on a voluntary basis.
The preservation of our monuments is not a l’art pour l’art affair, it is part of our culture of remembrance: through it our memories can connect with concrete places. There is “no remembrance in a void”.
When we restored synagogues recently, we have been trying to follow a new concept: to lay bare and open to the public the vestiges in and on the buildings that refer to concrete historical occurrences. So do, for example, the vestiges of Nazi savagery in the rural synagogue in Weimar-Roth tell the story of the events at the time in a very direct manner: the pickaxe marks left by SA-troops are still visible on the wall; the distribution wall-socket is still hanging free; the outlines of the Torah-shrine can still be detected – all these vestiges have been deliberately maintained. Our concept does not aim at embellishing the restored room, nor has it been in the interest of the people in charge of the restoration to recreate the synagogue “in new pomp and glory”. The place itself forbade any form of aesthetic priority; it became a place for reflection – its topic: the persecution of the Jews during the Third Reich and the non-existence of a Jewish community here and today as a result of it.
But the building also tells the story of the Jewish population who in former times lived in larger numbers in the rural areas of Hesse. After Landgrave Karl’s 1679 regulation that allowed Jews, against a high fee, to lawfully reside in Hesse, the Jewish communities within the villages grew considerably. In 1808 – under the Napoleonic occupation – Jews were first awarded the civil rights which were affirmed again in 1833, the year when in Weimar-Roth the above mentioned synagogue was built – one year before, in 1832, the little house was erected on top of the Rotenburg Mikwe which in 1834 was eventually bought by the Rotenburg Jews.
At the end of the 19th century almost 500 synagogues and houses of prayer could be counted in what today is the Land Hesse, i.e. more than in any other Land of the Federal Republic. More than 200, mostly simple village synagogues, have survived – again more than in any other Land, many of which have been restored over the past years. This restoration process was large-ly supported by committed citizens who formed sponsor groups and other initiatives to maintain and take care of the buildings.
Beside the synagogues it is especially the ritual baths, the mikwes, and the Jewish cemetaries that retain the Jewish culture. The mikwes are special in so far as they have often survived only because their existence had long remained unknown. Even such a prominent and architectural-ly significant mikwe like that in Friedberg near Frankfurt, dating back as far as 1260, is still little known. Its impressive 25 metre-deep shaft to the bath compares easily with the famous baths in Speyer or Worms and can claim equal importance. It was built, by the way, by the same masons who had built the town church of Friedberg – a wonderful example of how medieval trades-men, quite matter-of-factly, could work for both Christian and Jewish religious purposes.
The great number of small and apparently inconspicuous mikwes all over Hesse give evidence of the fact that the Jewish portion of our population was widely spread over and deeply rooted in our rural areas. Only last year were we able to attribute the Hessian “Historical Monument Protection Award” to Wolfgang Eitel who accidentally discovered a totally forgotten mikwe in Felsberg, just a few miles away from here. When in 2003 he was trying to plant a fruit tree in his garden next to the old town wall, he hit upon some substantial stonework. When after some more digging he discovered its square basis and even steps, he informed us immediately. What was eventually found were the remains of an old mikwe dating back to about 1820. After the First World War the building had been pulled down, the basin filled up. Wolfgang Eitel, the owner of the place, removed all the rubble painstakingly and uncovered the bath to its bottom; he cleaned the steps and the remaining brickwalls which have survived in perfect masonry quality.
The Friedberg and the Felsberg mikwes represent interesting varieties of this type of building.
The Rotenburg Mikwe to be re-inaugurated today is yet another illuminating and impressive example: As different forms of immersion baths were installed at this location since the 17th century, the Rotenburg Mikwe demonstrates exemplarily how this Jewish institution has developed over the centuries.
We feel greatly indebted to a number of people for the fact that this historic site can now be opened to the public. First of all I would like to thank the town-councillors of Rotenburg and Mayor Manfred Fehr who, in an impressive unanimous vote, disregarding the costs, did not hesitate to purchase the building. It still cannot be regarded as a matter of course today that a town should so fully stand by its history and accept its responsibility and obligation – Rotenburg sets an example. If this council policy coincides with the citizens’ commitment, this place of remembrance can become a true site of commemoration and communication.
We also extend our thanks to all the sponsors who have given invaluable support to the re-awakening of this ritual bath, in particular to their never-tiring frontman Dr. Heinrich Nuhn.
The “(six days after the ), appears to me an appropriate date for the reopening of this Mikwe. On the occasion of this day in 2002 we had also focused our attention on sites of Jewish culture in Hesse. Then we registered a lively interest in these places. I am sure that the Rotenburg Mikwe will attract a similarly high interest.
This Mikwe being a place of learning is, however, not self-explanatory. But through its apparent strangeness and authenticity the visitors will feel impelled to remember our past and to reflect upon its implications for the present. I express my sincere hopes and best wishes that you may – by keeping this Mikwe an open monument – also succeed in opening the visitors’ hearts and minds to this aspect of our German history.
