Dr. Ulrich Schneider

- Dr. Ulrich Schneider
Projektbeauftragter "Lernende Regionen" im Staatlichen Schulamt Hersfeld-Rotenburg/ Werra-Meißner
Begrüßung im Namen der „Lernenden Regionen“ am Staatlichen Schulamt und Grüße des Amtsleiters des Staatlichen Schulamtes
Ich freue mich über Ihren Besuch in Rotenburg an der Fulda bzw. in unserem Landkreis genauso, wie ich mich über die Einweihung dieses Gedenk- und Lernortes Jüdisches Ritualbad freue. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Bewahrung der Erinnerung an eine verschüttete und lange Zeit verdrängte Geschichte.
Die Einrichtung eines solchen Ortes ist aus mehreren Gründen von großer Bedeutung:
1) Sie dokumentiert, welche Rolle die jüdische Kultur in dieser Stadt über die Jahrhunderte gespielt hat und was damit durch die faschistische Vernichtungspolitik auch diese Stadt verloren hat. Bürger mosaischen Glaubens waren anerkannte Teile dieser Gesellschaft. Sie leisteten - bevor sie vertrieben wurden - vielfältige Beiträge zur Stadtentwicklung in sozialer, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht.
2) Sie dokumentiert, dass die Ausgrenzung und Vertreibung vor den Augen dieser Stadt Realität gewesen sein muss. Jüdische Mitbürger lebten und hatten ihren Mittelpunkt im Zentrum dieser Stadt, nicht an der Peripherie. Und niemand wird behaupten können, man habe nicht gesehen, was hier geschehen ist.
Zwar kannte man nicht die Realität von Auschwitz, aber man wusste, dass die Menschen, die von hier vertrieben bzw. verschleppt wurden, nicht mehr zurückkehrten.
3) Eine solche Einrichtung dokumentiert aber auch, dass es in unserer Region heute wieder Menschen gibt wie Herrn Dr. Nuhn und die AG Spurensuche, die sich nicht mit dem lange praktizierten geschichtlichen Verdrängen und Verschweigen abfinden, sondern die dem Vergessen entgegenarbeiten.
Und damit hat ein solcher Lernort Vorbildcharakter für junge Menschen heute und morgen. Er ist ein Anknüpfungspunkt
- für die historische Vergewisserung - wir werden erinnert an Ereignisse und Tragödien der deutschen Geschichte, die nicht nur aus geschichtlicher Perspektive mitgedacht werden sollten,
- für die Verortung der „großen Geschichte“ in der lokalen Geschichte - wir werden erinnert, dass diese Ereignisse nicht nur in Berlin oder den politischen Zentren stattfanden, sondern auch vor Ort ihren Niederschlag fanden,
- für die Reflexion und das Nachdenken über kulturelle und religiöse Vielfalt und Toleranz - wir werden daran erinnert, welche Folgen religiöse Intoleranz hatte. Es ist eine dauerhafte Mahnung vor Antisemitismus, aber auch den aktuellen Formen des Antiislamismus.
Dies scheint mir heute notwendiger denn je zu sein, wenn man nur an die politischen Skandale seit dem Einzug der NPD in den Sächsischen Landtag denkt. Geschichtsrevisionistische Provokationen und ahistorische Vergleiche bestimmen die politische Auseinandersetzung. Die Nazis relativieren die nazistische Vernichtungspolitik durch falsche Vergleiche ("Bombenholocaust"), nutzen ahistorische Analogien ("Züge nach Auschwitz") zur Diffamierung politischer Gegner. Damit verbunden sind die Versuche der Relativierung nazistischer Verbrechen.
Solche Provokationen könnten einen kalt lassen, wenn nicht die Gefahr bestände, dass Nachgeborene, besonders der jungen Generationen - aufgrund fehlender historischer Kenntnisse - die geschichtlichen Lehren aus der größten Tragödie der Menschheitsgeschichte vergessen bzw. gar nicht erst kennen lernen.
Dem gilt es politisch und pädagogisch entgegenzuarbeiten.
Als Projekt „Lernende Region“ im Staatlichen Schulamt Hersfeld-Rotenburg/ Werra- Meißner haben wir solch historisches Nachdenken auf verschiedenen Ebenen aktiv gefördert.
Als die AG Spurensuche vor wenigen Jahren ihre CD-ROM zum virtuellen Spaziergang durch Rotenburg auf den Spuren jüdischer Geschichte vorlegte, konnten wir mit einem bescheidenen Geldbetrag dazu beitragen, dass die Produktionskosten gedeckt wurden.
Zum Frühjahr 2005 haben wir auf Anregung des DGB Osthessen und der Friedensinitiative Hersfeld-Rotenburg einen Schülerwettbewerb unter dem Titel „Die Vergangenheit verstehen, in der Gegenwart leben, die Zukunft gestalten“ zur Erinnerung an den 60. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung von Faschismus und Krieg auf den Weg gebracht. Mit über 30 Beiträgen aus 11 Schulen des Landkreise Hersfeld-Rotenburg und des Werra-Meißner-Kreises war die Resonanz über Erwarten groß. Entstanden sind Dokumentationen, Poster-Präsentationen, eine CD-ROM, ein Hörspiel und sogar ein Kurzfilm, mit denen die Schüler Heimatgeschichte zu brisanten Fragen schreiben.
Wie kam es zum 8. Mai 1945 und was geschah danach? Wo finden sich Spuren der NS-Lager in der Region? Wie erlebte die Bevölkerung den Alltag im Krieg? Was geschah mit den Juden und den Gegnern des NS-Regimes?
Eine besondere Leistung erbrachten Schülerinnen und Schüler der Konrad-Duden-Schule in Bad Hersfeld mit Unterstützung der Kollegin Susanne Hofmann. Die Schüler haben sich mit dem Schicksal von Judith Epstein, früher Ilse Speier und Moshe Naveh, früher Manfred Oppenheimer beschäftigt und eindrucksvolle Tafel der Erinnerung geschaffen, die auf Einladung einer Buchhandlung in der Hersfelder Innenstadt gezeigt werden konnten. Damit strahlte dieser Schülerwettbewerb selbst in den öffentlichen Raum aus.
Die Ergebnisse der Schülerarbeiten wurden anschließend in einer Ausstellung zusammengefasst und als Buch unter dem Titel „Augen-Blicke 1945“ vor wenigen Wochen auf den Markt gebracht.
Dies zeigt, dass – bei entsprechenden Anregungen – junge Leute auch heute noch ein Interesse für Geschichte und historische Zusammenhänge entwickeln, besonders wenn sie mit der eigenen Heimat verbunden sind.
Einen solchen geschichtsdidaktischen Ansatz kann das jüdische Ritualbad als Lernort im besonderen Maße befriedigen. Solchen Lernorten kommt zukünftig eine immer größere Bedeutung zu, da die tatsächlichen Zeugen der Zeit, die Überlebenden der Verfolgung und der Vernichtungspolitik aus biologischen Gründen uns in absehbarer Zeit nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Wer wird dann in der Eindringlichkeit über das historische Geschehen und die Empfindungen der Betroffenen berichten? Wir erleben immer wieder, welch tiefen Eindruck die Berichte von Zeitzeugen bei jungen Menschen hinterlassen. Solche Berichte sind wichtige Ergänzungen von abstrakten historischen Kenntnissen, so werden geschichtliche Ereignisse konkret und nachvollziehbar.
Fehlen die Zeitzeugen, dann müssen "die Steine reden", d.h. die historischen Lernorte diese Aufgabe der anschaulichen Vermittlung leisten.
Das kann und wird der Gedenk- und Lernort Jüdisches Ritualbad leisten. Dafür gebührt den Initiatoren und Akteuren vor Ort der Dank. Damit verbunden ist das Versprechen, dass wir uns als Schulamt und als Projekt "Lernende Regionen" dafür einsetzen werden, dass dieser Gedenkort in das schulische Umfeld eingebunden und aktiv für historisches Lernen genutzt wird.
Ihnen - verehrte ehemalige Mitbürger der Stadt - möchte ich noch einmal meinen Dank dafür aussprechen, dass Sie den Weg nach Rotenburg auf sich genommen haben, und auch dafür, dass einige von Ihnen sich als Zeitzeugen zur Verfügung gestellt haben.
Address by Dr. Ulrich Schneider Project representative "learning regions" Regional education office Hersfeld - Rotenburg/ Werra – Meissner
Greetings to the former Jewish families and their descendants in the name of the project "learning regions" at the regional education office and greetings of the office leader of the regional education office Mr. Meißner
I am very pleased about your attendance in Rotenburg an der Fulda and in our district exactly the same, as I am pleased about the inauguration of this memorial and learning place Jewish ritual bath. It is an important contribution for retaining the memory to a buried and long time displaced history.
The rebuilding of such a place is for several reasons of great importance:
1) It documents, which role played the Jewish culture in this city over the centuries and which lost this city thereby by the fascist destruction politics also. Citizens of mosaic faith were recognized parts of this society. They carried out - before they were driven out - various contributions for town development in social, economic and cultural regard.
2) It documents that the exclusion and driving out must have been reality before the eyes of this city. Jewish fellow citizens lived and had their centre in the middle of this city, not at the periphery. And nobody will be able to state, one did not see, what happened here. One did not know the reality of Auschwitz, but one knew that humans, who were driven out and/or kidnapped from here, did not return any longer.
3) In addition, such a memorial place documents that there are humans in our region today again like Dr. Nuhn and the Working group Spurensuche, who had not resigned themselves to long time practiced historical displacing and concealing, but work against forgetting.
And thus such a learning place has a model character for young humans today and tomorrow. It is a connecting factor
- for historical making sure - we reminded of events and tragedies of German history, which should not only be along-thought from historical perspective.
- for the detection of "large history" in local history - we are reminded that these events did not only take place in Berlin or the political centres, but also found locally their results.
- for reflection and thinking about cultural and religious variety and tolerance - we are reminded which consequences religious intolerance had. It is a durable reminder before Anti-Semitism, in addition, the current forms of the anti-Islamism.
Today this seems me to be more necessarily than ever, if one thinks only of the political scandals since the introduction of the neo-fascist NPD into the Saxony federal state parliament. Historical revisionist provocations and non-historic comparisons determine the political argument. The NPD tries to relate the Nazi destruction politics by wrong comparisons ("Bomb-Holocaust"), use non-historic analogies ("Trains to Auschwitz") for the defaming of political opponents. With it the attempts of relating fascist crimes are connected.
Such provocations could leave one cold, if not the danger exists that later born ones, particularly the recent generations - due to missing historical knowledge - which not even learn historical consequences from the largest tragedy of mankind history, forget or not even know the historical realities.
It applies to work against on politically and educationally level.
As project "learning region" in the regional education office Hersfeld - Rotenburg/ Werra - Meißner we have promoted such historical thinking actively on different levels.
Few years ago when the Working group Spurensuche developed its CD-ROM to the virtual walk by Rotenburg on the traces of Jewish history, we could contribute with a modest sum of money to the fact that production costs were covered.
In spring 2005 on suggestion of the Trade Union east Hessian and the peace initiative Hersfeld - Rotenburg we brought on the way a pupil competition by the title "understand the past, living in the present, arrange the future" for commemoration at the 60th Anniversary of the end of II World War and the liberation from fascism and war. The resonance was larger than expected. Over 30 contributions from 11 schools all over the districts of the Hersfeld - Rotenburg and Werra - Meißner came in. The students produced documentations, poster presentations, a CD-ROM, a radio play and even a filmlet, with which the student's wrote about explosive questions of local history: How did it come to May 8, 1945 and which happened thereafter? Where are traces of the Nazi - camps in the region? How did the population experience the everyday life in the war? What happened with the Jews and the opponents of the fascist regime?
Pupils of the Konrad Duden School in Bad Hersfeld with support of the teacher Susanne Hofmann furnished a special achievement. The pupils concerned themselves with the fate of Judith Epstein, in former times Ilse Speier and Moshe Naveh, in former times Manfred Oppenheimer and created impressive boards of the memory, which could be presented on invitation of a bookshop in the Hersfeld city centre. On this way the results of the pupil competition radiated into the public area.
Afterwards the results of the pupil work were summarized in an exhibition and brought as book under the title "Instants 1945" few weeks ago on the market.
This shows that - with appropriate suggestions - young people develop also today still another interest in history and historical questions, particularly if it is connected with their own region.
Such a historical didactical idea the Jewish ritual bath can satisfy as learning place in the special measure. In the future such learning places will get a greater importance, since the actual witnesses of the time, the survivors of pursuit and the destruction politics for biological reasons will in foreseeable time not be any more at the disposal to us. Who will then report in this intensity on the historical events and the feelings of the concerning? We experience again and again, what deep impression the reports left by time witnesses with young humans. Such reports are important additions of abstract historical knowledge, and then historical events become concrete and comprehensible.
If the time witnesses are missing, then "the stones must talk", i.e. carry out the historical learning places this task of the descriptive switching.
That can and will carry out the memorial and learning place Jewish ritual bath. There for we have to say thanks to the initiators and actors in this town. With the thank connected is the promise that we will plead ourselves as education office and as project "learning regions" for the fact that this memorial place is merged into schools and used actively for historical learning.
To you - former fellow citizens of Rotenburg - I would like to express again mine thanks for the fact that you took the way to Rotenburg on yourself, and also for the fact that some of you made itself available as time witnesses.
