Bernhard Schiller, Bad Hersfeld

Dechant Bernhard Schiller

Dechant

Das Geschichts- und Kulturdenkmal der Rotenburger Mikwe ist auch ein religiöses, existentielles und moralisches Mahnmal für die Menschen in unserer Region heute. Wenn ich als Vertreter der katholischen Kirche für den Bischof von Fulda zur Einweihung einen Gruß überbringen darf, geschieht dies gerade auch in ehrfürchtiger Würdigung dieser Dimension. Der mit viel Engagement und Liebe hergerichtete Ort berührt diesen Nerv der Religion, des Gewissens und der Identität meiner Glaubensgemeinschaft im Innersten. Im vergangen Jahr haben zwei Jahrestage die Bedeutung des heutigen Festaktes unterstrichen. Der 60. Jahrestag der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager rief erschütternd ins Bewusstsein, was Papst Johannes Paul II.  erschüttert so zusammenfasste: Die fürchterlichen Geschehnisse von damals müssen „unablässig die Gewissen wecken, Konflikte beenden und zum Frieden ermahnen“ Zugleich waren es vierzig Jahre, dass das Zweite Vatikanische Konzil die Erklärung verfasst und neue Perspektiven in den jüdisch-christlichen Beziehungen eröffnet hat, die durch Dialog und Partnerschaft gekennzeichnet sind. Dieses maßgebliche kirchliche Dokument betont, „dass die Christen danach streben, die grundlegenden Komponenten der religiösen Tradition des Judentums besser zu verstehen und dass sie lernen, welche Grundzüge für die gelebte religiöse Wirklichkeit der Juden nach deren eigenem Verständnis wesentlich sind“. Beides, das Gedenken an den Holocaust und die heilende Bewegung von Juden und Christen auf einander zu, brauchen konkreten Ausdruck und reale Verankerung. Die Gedenk- und Begegnungsstätte dient beidem: sie hält den Raum offen für die Vergegenwärtigung von lokaler, nationaler wie universaler Geschichte und ermöglicht für jedes geöffnete Bewusstsein eine unmittelbare Anknüpfung bei dem, was in diesem Raum lebendig wird. Dabei vermittelt sich das religiöse Zeugnis von Rotenburger Bürgerinnen und Bürgern, die durch ihr Ritualbad die lebensbestimmende Kraft ihres jüdischen Glaubens manifestierten und an den großen Gott erinnerten, der uns zum Heil seine Gebote gibt und vor dessen Heiligkeit wir der Reinigung bedürfen. Im Gebetbuch des Volkes Israel und der Kirche heißt es bei Psalm 51: „Entsündige mich mit Ysop, dann werde ich rein, wasche mich, dann werde ich weißer als Schnee!“ Juden wie Christen steigen in Gottes reinigendes Wasser hinab, um sich erneuert zu erheben.

Aus der Dankbarkeit dafür richte ich die Segenswünsche und die herzliche Verbundenheit von Bischof Heinz Josef Algermissen aus, der zum Besuch von Papst Benedikt XVI. in Bayern weilt. Beim Besuch der Kölner Synagoge am 19. August 2005 wies der Papst auf die aktuellen Aufgaben hin, die Juden und Christen verbinden, und brachte dabei wohl auch den Wert und die Würde eines Platzes wie diesen auf den Punkt. Er sagte: „Unser reiches gemeinsames Erbe und unsere an wachsendem Vertrauen orientierten geschwisterlichen Beziehungen verpflichten uns, gemeinsam ein noch einhelligeres Zeugnis zu geben und praktisch zusammenzuarbeiten in der Verteidigung und Förderung der Menschenrechte und der Heiligkeit des menschlichen Lebens, für die Werte der Familie, für soziale Gerechtigkeit und Frieden in der Welt. Der Dekalog (vgl. ; ) ist für uns gemeinsames Erbe und gemeinsame Verpflichtung. Die ‚Zehn Gebote’ sind nicht Last, sondern Wegweiser zu einem geglückten Leben.“ Möge Gottes Segen nicht nur alle erreichen, die dieses so besondere Denkmal besuchen, sondern auch die Mühe lohnen, mit der dieser Ort geschaffen wurde, und die Sorge vergelten, mit der diese Stätte erhalten und belebt wird!

With great gratitude I greet the English speaking guests and I conclude with the words of Psalm 29, which express both a wish and a prayer:  "May the Lord give strength to his people, may he bless his people with peace.” May He hear our prayer!

Ich schließe mit Nelly Sachs: „Anstelle von Heimat halte ich die Verwandlungen der Welt.“ Auf dass auch die in der Geschichte gewandelte Rotenburger Mikwe beitrage, die Besucher zu verwandeln hinein in neue Ehrfurcht und Wesentlichkeit!


Address by the Representative of the Catholic Church, Dean Bernhard Schiller:

The Rotenburg Mikwe  is, for the people in our area today, both a historical and cultural monument and a religious, existential and moral memorial. If I, as a representative of the catholic church and also on behalf of the Bishop of Fulda, may address a few words to you, I will be doing this in humble appreciation of this fact.  This place, restored with so much commitment and devotion, touches the essence of religion, of the human conscience as well as the self-understanding of my catholic brothers and sisters.

Two recent dates of remembrance may have contributed to making us aware that also the ceremony here and today is of great significance:

a) The 60th return last year of the day when the victims of Nazi concentration camps were liberated made us painfully aware of what Pope John Paul II had said on the occasion: The atrocities of those terrible years must “continue to alert our consciences to end conflicts and to call for peace

b) And it was forty years ago that the Second Vatican Council’s formal declaration Nostra aetate

Both, the remembrance of the Holocaust and the healing movement of Jews and Christians towards each other, require concrete actions and real places. This Mikwe here in Rotenburg – memorial and community centre alike,  serves both purposes: as a reminder of the fact, that everybody is to some extent involved in local, national and universal history, and as a stimulus for the open-minded to remember and to realize what is coming to life in this room, namely the testimony of Rotenburg citizens who through their Mikwe manifested  that their life was determined by the driving force of their Jewish creed and who also reminded themselves and others of the greatness of God who for our salvation has given us his divine law and the awareness that before His holiness we are in need of purification.

In the Book of Prayer of the Children of Israel and the Christian church alike we read in Psalm 51: “Purge me with hyssop and I shall be clean. Wash me and I shall be whiter than snow

Thankful for God’s everlasting grace I pass on the good wishes and hearty greetings of Bishop Heinz Josef Algermissen who at the moment is staying in Bavaria on the occasion of the papal visit.  When Pope Benedikt XVI visited the synagogue in Cologne on 19 August 2005 he also referred to the responsibilities of both Jews and Christians – and his words may well be transferred to the value and the dignity of a place like this Mikwe: “The rich heritage that we have in common and our sisterly relationship based on growing mutual trust are an obligation to both of us: that we must, together and even more openly than ever before, give evidence of and cooperate actively in the defence the human rights, the principles of the holiness of human life and the values of the family, of social justice and of peace in the world. The Decalogue is our common heritage and common responsibility. The Ten Commandments are not a burden but a signpost towards a happier life.

May God bless not only the visitors of this memorial but also those who devoted themselves so selflessly to restoring this Mikwe and to opening it to the public. And may He also bless all the work, the care and the trouble that is needed to maintain this site and give new life to it.

 With great gratitude ...

May this Mikwe of Rotenburg, so steeped in the changes of history, inspire its visitors with a spirit of reverence and of what is essential.

 

 

© 2010 Förderkreis Ehemaliges Ritualbad Rotenburg