Pfarrer Lars Niquet, Rotenburg

Pfarrer Lars Niquet

2. Vorsitzender des Förderkreises

Sehr geehrter Herr Bürgermeister,verehrte Gäste aus Rotenburg und darüber hinaus,ganz besonders aber:Liebe jüdische Gäste: Schalom aleichem ! Friede sei mit Euch !

Es ist für uns alle eine besondere Ehre, dass Sie, die Nachfahren unserer früherenjüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, den zum Teil weiten Weg auf sich genommenhaben, um in diesen Tagen an der Wiedereröffnung der restaurierten Mikwe in unserer Stadt teilzunehmen.

Dieses von außen her so schlicht erscheinende Gebäude ist künftig das am deutlichstensichtbare Zeichen dafür, dass es mitten in unserer Stadt noch vor 2 Generationen einblühendes jüdisches Leben gegeben hat. Ich habe in den letzten Jahren gelernt: Für dieAnsiedlung von jüdischen Familien an einem Ort war oft das Vorhanden sein einer Mikwe,eines rituellen Bades, mindestens genauso wichtig wie dass es eine Synagoge gab. Das Bad ermöglichte die Einhaltung der in der Thora vorgeschriebenen Reinigungsrituale. Undes stellte sicher, dass das Geschirr und die Schächtwerkzeuge entsprechend der religiösen Bestimmungen koscher gehalten werden konnten.

Ganz besonders die Altstadt war der Wohnsitz vieler jüdischer Familien, die das Leben inunserer Stadt im Alltag, im Handel, zuweilen sogar in der kommunalen Politik mit geprägthaben. Der jüdische Friedhof unterhalb des Herz-Kreislauf-Zentrums erinnert andiejenigen, die in friedlichen Zeiten, wie es die Bibel sagt, „zu ihren Vätern versammeltwurden“. An die ehemalige Synagoge, die wie so viele andere in der Pogromnacht einOpfer der Flammen wurde, erinnert nur noch eine Gedenktafel. Die Mikwe jedoch ist vonnun an allen interessierten Menschen zugänglich.

Die Mikwe vereint in sich gleich mehrere Botschaften: Sie ist zum einen ein Haus derGeschichte: Sie erinnert mit ihrem blau-weiß gekachelten Becken an die jüdischeGemeinde in Rotenburg. Selbstbewusst haben ihre Mitglieder einen eigenen kulturellenMittelpunkt für ihr Leben geschaffen. Zugleich haben sie dafür einen Platz und einGebäude gesucht, das sich ohne übertriebene Prachtentfaltung ins allgemeine Stadtbild einfügt.

Die Mikwe ist weiterhin ein Haus der Erinnerung. Sie will mahnen, nicht anklagen. Sie willerinnern, damit wir nicht vergessen. Gerade weil die Zahl derer, die die Mikwe noch inihrer ursprünglichen Funktion erlebt haben, immer kleiner wird, ist es gut, dass wir jetzteinen Ort haben, der an diese Menschen erinnert. In den Vitrinen im 1. Stock erzählen Gegenstände aus dem privaten und religiösen Leben in dieser Zeit. Wer dann die Treppevon dort wieder hinabsteigt, schaut auf die Bilder vieler ehemaliger jüdischer Mitbürger ausunserer Stadt und aus dem Altkreis. Die Bilder geben den Namen ein Gesicht. Sie erinnern an die, die einmal zu uns gehört und mitten unter uns gelebt haben. Sie gedenken vorallem all derer, die durch die Verbrechen der Nazizeit ihr Leben verloren haben. Und siemahnen uns, die wir heute leben, aufmerksam zu sein und nicht zu schweigen, wenn vonneuem versucht wird, mit dumpfen Parolen und Vorurteilen gegen Menschen Stimmung zumachen.

Und schließlich: Die Mikwe ist ein Haus der Begegnung. Es ist erfreulich, dass schon vorder offiziellen Eröffnung immer wieder Gruppen und Einzelpersonen um eine Führunggebeten haben. Wir alle hoffen, dass dieser Wunsch anhält. Wenn wir Orte aufsuchen, andenen Geschichte sich wirklich ereignet hat, bekommen wir einen noch viel besserenEindruck von dem, was wir in Texten lesen können. Die „Botschaft der Steine“, sie ist nununs allen wieder zugänglich. Also nutzen wir sie !

Ein Gedanke ist mir am Schluss noch wichtig: Ich habe in den letzten Monaten auchvereinzelte Stimmen gehört, die fragten, ob denn für die Restaurierung der Mikweunbedingt „so viel Steuergeld“ ausgegeben werden müsse. Von „Millionen von Euro“ istdann da aus Unkenntnis sogar die Rede gewesen. Doch zum einen ist schwarz auf weißnachlesbar, welche Summen wirklich ausgegeben wurden, und wo es sich um Fördergelderund wo tatsächlich um Steuermittel handelt. Und zum anderen: Die restaurierte Mikwe alsGedenk- und Begegnungsstätte gehört genauso zum geschichtlichen, kulturellen undmenschlichen Erbe unserer Stadt wie beispielsweise das Schloss oder der Hexenturm, dieJakobikirche oder das historische Rathaus. All diese Gebäude, und damit eben auch die Mikwe, für die Erinnerung und die Begegnung zu erhalten und offen zu halten, ist unserergemeinsame Aufgabe und Verpflichtung.

Ich schließe mit Worten aus dem 85. Psalm. Sie sollen die Botschaft zusammen fassen, dieheute und in Zukunft von der Mikwe ausgehen und die Menschen, die sie besuchen,erfüllen soll:

Könnte ich doch hören, was Gott, der HERR, redet,dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen,damit sie nicht in Torheit geraten.Doch es ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten,dass in unserem Lande Ehre wohne;dass Güte und Treue einander begegnen,Gerechtigkeit und Friede sich küssen,dass Treue auf der Erde wachseund Gerechtigkeit vom Himmel schaue.


Address by Lars Niquet, minister of Martin Luther Church and vice-chairman of the Rotenburg Mikwe sponsor group

Mr. Mayor
Ladies and Gentlemen – dear guests from Rotenburg and from afar.
And a special welcome to our Jewish guests: Schalom aleichem!    

The Peace of the Lord be with you!

We all here feel honoured that you, direct descendants of our former Jewish fellow citizens, have found your way – in some cases a very long way – to Rotenburg to celebrate with us the ceremonies for the reopening of the restored Mikwe.

This building, so inconspicuous from outside, will from now on be a reminder of the fact  that only two generations ago Rotenburg had a thriving Jewish community in its midst.

Over the past few years I have learnt something important: For Jewish families to settle down in a particular place it was at least as important that there existed a mikwe as that there existed a synagogue there, because due to its existence the cleansingrituals prescribed by the Torah could be abided by. And it also allowed that dishes and slaughtering knives could be maintained kosher as the Jewish law demands.                                                                                     

The townhall-side left of the River Fulda was the site where most Jewish families had their homes. Here they left their mark on everyday life, on the trade and, at times, also on the town policies. The Jewish cemetary close to the Heart and Circulation Clinic keeps the memory alive of those citizens who died here. Nothing is left, unfortunately, of the former synagogue which, like so many others, was vandalised during the nights of pogroms in November 1938 and pulled down later – a memorial plaque is the only visible sign of it  today.  The Mikwe, however, will from now on be open to anybody interested in our history.

From this building will issue a number of relevant  messages: It is a house that harbours and preserves history. Its basin in blue and white tiles reminds us of the Jewish community in Rotenburg who, full of self-confidence, had created their own cultural centre here. They had chosen for it a building that fitted unobtrusively into the general picture of the town.

The Mikwe is also a place of remembrance – a place not to accuse but to remind us all that we must never forget. As the number of those who still remember the Mikwe in its original function is decreasing dramatically, it is a good thing that now we have a place that keeps our memory alive of the people who once used it.  The exhibits in the show-cases upstairs testify to their private and religious life at the time. And everybody who comes down the stairs will see the pictures of former fellow citizens of Rotenburg and its surrounding villages – pictures that give real faces to possibly forgotten names. They make us remember those who once belonged to us, who used to live amidst us. They bring back to our memory all those Jewish fellow citizens who lost their lives through the multitudinous acts of atrocity committed during the Nazi regime. At the same time these pictures may serve as a reminder that we must  look out and speak out whenever prejudice against other people or groups is propounded by those who will never learn.

And, last but not least, this Mikwe is a meeting place. To our great joy we have already been frequently asked by groups and individuals – even before its symbolic opening today – for tours of the site. We do hope that this interest will continue to bring many more visitors here. Places where history really occurred are much livelier teachers than books. This “message of the stones” is now accessible to us all. Let’s take advantage of it and learn to understand.

I feel obliged to mention one last point. Over the past months I was occasionally confronted with the question whether the restoration of the Mikwe was really worth all that taxpayers’ money. Rumour even had it that “millions of Euro” were being spent.  Well, everybody can read in black and white how much the restoration work has really cost, to what extent it was sponsored and to what extent it was really taxpayers’ money. We should always keep one thing in mind: The Mikwe as it is inaugurated today, a place of remembrance and a place of communication, is an integral part of the historical, cultural and human heritage of our town like the Castle, the Witch Tower, our churches or the Townhall.

To maintain all these buildings – among them our Mikwe – and to keep them open to the public as a common heritage and reminder is a task that we are all responsible for.

I want to end with words from Psalm 85 which sum up the message that is to emanate from this Mikwe, a message that I hope will find also its way to the hearts of its visitors:

I will hear what God the Lord will speak:
For he will speak peace unto his people,
and to his saints: but let them not turn
again in folly.
Surely his salvation is nigh them that fear him; 
that glory may dwell in our land. Mercy and truth are met together; 
righteousness and peace have kissed each other.
Truth shall spring out of the earth; and righteousness shall look down from heaven.

 

© 2010 Förderkreis Ehemaliges Ritualbad Rotenburg