Prof. Dr. Ing. Heinrich Klose

- Prof. Dr. Ing. Heinrich Klose
Vorsitzender der Hessischen Akademie Ländlicher Raum
Meine Damen und Herren,
in dem Grußwort für die Hessische Akademie Ländlicher Raum übermittle ich auch unsere Freude über das gelungene Werk, heute die ehemalige Mikwe als Gedenk- und Begegnungsstätte einzuweihen. Herzlichen Glückwunsch dem Förderkreis ehemaliges jüdisches Ritualbad und der Stadt Rotenburg für diese neue Einrichtung, die auf Vergangenheit, Stadtgeschichte und Sozialgeschichte zielt. Damit wird ein dreidimensionaler und ein geistiger Raum zum Nachdenken für die Zukunft an diesem Ort Rotenburg und der Region geschaffen.
Verehrte Festversammlung, wir in der Hessischen Akademie bewundern die Zähigkeit des Vorsitzenden des Förderkreises Ritualbad, des Herrn Dr. Nuhn, der 2001 zum Ordentlichen Akademiemitglied berufen wurde. Er vertritt das Fachgebiet Zeitgeschichte. Er hat uns breit informiert, in dem er Artikel in den Akademie-Mitteilungen über das archäologische Ergebnis und dann später über den Baufortschritt im Fachwerkhaus Brauhausstraße 2 veröffentlichte. Er hat sehr zum akademieinternen Erfahrungsaustausch angeregt, wie viel vom wertvollen Erbe muss vorhanden sein, um es baulich -räumlich zu dokumentieren. Denn das Ergebnis, was wir heute bestaunen, ein gebautes authentisches jüdisches Ritualbad in diesem Umfang und mit seinen Vernetzungen auch in Rotenburg vorzufinden, stand am Beginn der Sicherungsarbeiten im Fachwerkhaus nicht fest. Glück gehabt Herr Dr. Nuhn, nein, meine Damen und Herren. Es sind der Mut zum Risiko und dabei sich auch unbekannten Herausforderungen zu stellen, warum wir in der Hessischen Akademie uns sehr über die Leistung von Ihnen allen freuen und herzlich gratulieren.
In diesem Zusammenhang der herausfordernden Spurensuche in Rotenburg will ich einen Namen in unsere Erinnerung zurückrufen. Es ist das verstorbene Ehrenmitglied unserer Hessischen Akademie, Frau Dr. h.c. Dipl.-Ing. Thea Altaras. Sie wurde für Ihre Leistungen in dem Fachgebiet Jüdisches Kulturerbe zum Ehrenmitglied, berufen. Das ist die höchste Auszeichnung die die Akademie vergeben kann.
In Rotenburg bestätigte Frau Dr. Altars den Spurensuchern, dass ihre Wegestrecke zum Aufhellen der Geschichte einer Mikwe führt.
An dieser Stelle will ich kurz meine Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Frau Dr. Altaras schildern. Das Objekt ist die Mikwe in Trendelburg im Landkreis Kassel. Die Geschichte ist ähnlich wie die der Mikwe in Rotenburg. Vergessen unter dem Schutt der Stadtbrände in der Stadtgeschichte und zufällig bei Sanierungsarbeiten Anfang der 90er Jahre im vorigen Jahrhundert wieder entdeckt. Welch wichtiges Zeugnis ist ein rituelles Tauchbad für das kulturelle und architektonische Erbe einer Stadt.
Auch die Mikwe Trendelburg ist ein rituelles Tauchbad. Entsprechend der jüdischen Reinheitsgesetze werden Personen oder Gegenstände, die unrein geworden sind, wie z.B. nach dem Kontakt mit Leichen, gewaschen. Ein solches Ritualbad ist ein fester Bestandteil jüdischen Lebens. Und Jüdisches Leben hat Frau Dr. Altaras meinen Architekturstudenten der Kasseler Universität, mit denen ich vier Semester an der Freilegung der Mikwe Trendelburg gearbeitet habe, erklärt.
Frau Dr. Altaras hat die Vorschriften für die Anlage eines Ritualbades erläutert. Sie hat die wasserdichten Fugen des in den Boden versenkten Tauchbeckens konstruktiv erläutert oder das Fassungsvermögens des Tauchbeckens mit 850 Litern Wasserhaltung wiederum in Verbindung mit gesetzlichen Vorschriften gestellt.
Es sind immer die Menschen mit ihrer Kultur und Ritualen, die ein fruchtbares Betätigungsfeld für Forschung abgeben.
Zum Schluss meines Grußwortes will ich noch zwei Gedanken zu Baukultur und zu unserer Gesellschaft antippen.
Die Mikwe lässt hautnah nachzuvollziehen, welche Ereignisse wann eine Benutzung der Mikwe durch Frauen und Männer notwendig machten. Ich hoffe sehr, dass die Auseinandersetzung mit dem Erforschen dieses Erbes zu Begegnungen führt, die eine gestrige Bezugsmitte, aber eine geistige Mitte vermitteln. Für unsere Gesellschaft heute wäre das Suchen einer Mitte eine Chance. Es ist ein Angebot, was das Haus vorhält für jedermann, wenn man es suchen will.
Welche Baukultur hat denn dieses Fachwerkhaus in der Brauhausstraße 2? Es ist gleich von der Kubatur wie die der Nachbarhäuser. Es ist saniert, wie die Nachbarhäuser. Aber es ist bescheiden zurückhaltend im Kreis der Bauten des Quartiers und dem Umfeld geblieben. Die farbliche Hülle spricht die fachliche Auffassung als Zeichen unserer Zeit auf dem Weg der Begegnungsstätte Mikwe in die Zukunft. Und für eine gute Zukunft wünschen wir von der Hessischen Akademie der Gedenk- und Begegnungsstätte Ritualbad (Mikwe) der ehemaligen Rotenburger Synagogengemeinde viel Erfolg.
Address by Prof. Dr. Heinrich Klose, Kassel, Chairman of the Hessian Academy for Rural Areas
Ladies and gentlemen,
In my greetings from the Hessian Academy for Rural Areas I wish to express our great pleasure concerning this successful project “The Jewish Ritual Bath”, which will be officially opened today as a memorial and meeting place. We extend our heartfelt congratulations to the sponsoring society, the Förderkreis ehemaliges Ritualbad” and the city of Rotenburg for this new institution, which will provide
knowledge and understanding of the past, of the history of the city and of the history of society. With this memorial a physical and a spiritual space will be created in Rotenburg, where the future of the region can be considered.
Honoured guests, we in the Hessian Academy admire the persistence of the president of the sponsoring society, Dr. Nuhn, who was elected as an orderly member of our academy in 2001 for the field of contemporary history. In his articles for our academy publications he has provided us with valuable information about the archaeological findings and the progress in reconstruction in the half-timbered house in Brauhausstraße 2. With his reports about his experiences here he has made a valuable contribution to the discussion about the documentation and preservation of our cultural heritage. The result which we can admire here today, an authentic Jewish ritual bath in these dimensions and with its interrelationships in the city of Rotenburg, was not so certain at the beginning, when this project was started. Was it just luck, Dr. Nuhn? No, ladies and gentlemen, it was the courage to take risks and face unknown challenges which we in the Academy admire, and this is the reason why we are so happy about the successful results to which we cordially congratulate you today.
In connection with the extraordinary “Spurensuche” in Rotenburg, the searching for tracks or traces of the past and the dedicated “trackers” I wish to mention the name of the late Dr. h.c. Dipl. Ing. Thea Altaras. She was an honorary member of our academy for the field of Jewish cultural heritage. This is the highest honour which our academy can confer. In Rotenburg Frau Altaras confirmed the findings of the “trackers”, the “Spurensucher” in their endeavours to throw light on the history of the Mikwe.
At this place in my greeting I want to describe my own experience with Dr. Altaras. The object in question here is the Mikwe in Trendelburg in Landkreis Kassel. Its history shows similarities with the Mikwe in Rotenburg. Forgotten under the ashes of the great fires which twice destroyed the city, it was discovered quite accidentally during the city renewal in the 1990’s. This ritual bath is a remarkable witness of the cultural and architectural history of the city! Like the Mikwe in Rotenburg, it is another ritual bath which has been discovered in recent years in North Hesse.
According to the Jewish purifications laws, persons or objects which have become unclean must be cleansed, for example, after contact with the dead. The Mikwe is an integral part of Jewish life. Dr. Altaras was able to explain this aspect of Jewish life to my students at the University of Kassel, who worked with me for four semesters to excavate and restore the Mikwe. She explained the rules for the construction of the Mikwe from its watertight joints in the basin to the required volume of 850 litres.
It is always people and their rituals which provide the most fruitful fields for research.
Finally I want to offer two thoughts about architectural history, buildings and society. The Mikwe as it exists now allows one to experience directly how it was used. I hope sincerely that the research and discussion about this heritage will lead to a communication between people which has its roots in the past but offers an intellectual and spiritual middle point.
Which architectural culture does this half-timbered house in Brauhausstraße 2 illustrate? It is the same in size and form as the neighbouring houses. It has been restored, like the other houses. But it is modest and unobtrusive among the other houses in the quarter. Its colours are an expression of the current professional opinion concerning historical buildings and are a sign of our times on the journey of the Mikwe into the future.
We from the Hessian Academy wish the Mikwe of the former Jewish Synagogue community a good and bright future as a memorial and meeting place.
